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Austernkultivierung der amerikanischen Westküste
John McCabe

Der große Austernboom der Westküste ist im Ursprung auf die Goldgräber Kaliforniens zurückzuführen. Sie waren fanatische Austernliebhaber. 1849 "rauschten" sie nach Kalifornien und bereits 1851 gab es in den Buchten San Franziskos keine einheimischen Austern mehr. Sie mussten als Folge entweder konserviert oder "halbtot frisch" von der Ostküste angeliefert werden. Den Fischhändlern in Kalifornien wurde schnell klar, dass zusätzliche Beschaffungswege gefunden werden mussten. Der Blick wurde gen Norden gerichtet, wo die einheimische Olympia Auster, ein entfernter Verwandter der Europäischen Auster, insbesondere im damaligen US-Territorium "Washington" noch reichhaltig vertreten war. Goldgräber bezahlten damals anstandslos einen Silber Dollar für eine einzige frische Auster.

Es sollte nicht lange dauern, bis sich in diesen nördlichen Gefilden außerordentlich profitable Austern-Fischereien bildeten. Die Fangmethoden waren genauso rücksichtslos und primitiv wie bereits seit über hundert Jahren an der Ostküste Amerikas: Sammeln und verkaufen! Austernkultivierung war kein Thema. Wie in Kalifornien verschwanden auch die Bestände der Olympia Auster weit vor dem Anbruch des 20. Jahrhunderts. Erst dann entschloss man sich die Olympia Auster behutsamer anzufassen. 1889 wurde das "US-Territorium Washington" zum "US-Bundesstaat Washington" gekürt. Um 1900 wurden in manchen Austerngebieten komplexe quadratische Deichsysteme erbaut - erst mit Holz und später mit Zement (sehr schwierig, da das Gießen des Zements zeitlich von Ebbe und Flut abhängig war) - um geschützte Becken mit unterschiedlicher Wassertiefe in den Gezeitenzonen zu schaffen. In den tieferen Becken wurden die jungen Olympia Austern ausgesetzt. Die älteren Exemplare wurden später in seichtere Becken umgesiedelt. Obwohl diese Zuchtmethode erfolgreich war, reichte es bei weitem nicht, um der Austernnachfrage der Westküste gerecht zu werden. Zwischen 1902 und 1912 schleppten Züge 360 Waggons voll mit jungen Amerikanischen Austern von der Ost- bis zur Westküste. Eine lange Reise und ein kostspieliges Unterfangen. Die moderne Kühltechnik gab es damals nicht und die Austern mussten unterwegs mehrmals mit Eis übergossen werden. Tatsächlich wuchsen diese Austern in ihrer neuen westlichen Heimat manchmal beachtlich, vermehrten sich jedoch nicht und fielen oft dem Tod durch Verschlackung zum Opfer.

Bereits 1899 richteten amerikanische Behörden Anfragen an Japan zur Erprobung der Japanischen Auster (bzw. Pazifischen Auster) in amerikanischen Gewässern. Zwischen 1902 und 1920 wurde diese Austernart in Hawaii und an der Westküste der Vereinigten Staaten auf Herz und Nieren getestet. Die Resultate dieser Studien gingen letztlich ohne jeglichen Mehrwert in der behördlichen Bürokratie unter.

Ich möchte nun das Augenmerk auf zwei tüchtige Amerikaner japanischer Abstammung lenken: Joe Miyagi und J. Emy Tsukimato. Während ihrer Studienzeit in der Hauptstadt des Bundesstaates Washington, Olympia, arbeiteten beide direkt oder indirekt in den Austernunternehmen der Gegend. Diese beiden jungen Männer werden heute als die wahren Väter der modernen Austernzucht - nicht nur an der Westküste Amerikas, sondern der gesamten westlichen Hemisphäre - anerkannt. Dass man sich überhaupt an ihre Leistung erinnert, ist der objektiven Berichterstattung eines renommierten Austernzüchters zu verdanken, dessen Familie bei der Austernzucht von Anfang an dabei war: E.N. Steele! Er schuf ein kostbares Werk namens "The Immigrant Oyster", welches 1962 veröffentlicht wurde. Es gilt heute als die "historische Bibel der Austernzucht" der Westküste der Vereinigten Staaten. Ein lesenswertes Buch, welches zur Zeit meiner Berichterstattung noch kostenlos als PDF-Datei im Internet abgerufen werden kann (siehe Link am Ende dieses Berichtes).

Joe Miyagi und J. Emy Tsukimoto dürften von den vormals fehlgeschlagenen Kultivierungsversuchen der Pazifischen Auster informiert gewesen sein. Sie pflegten Kontakt zu Züchtern in Japan und brachten dadurch zahlreiche nützliche Informationen in Erfahrung. Immerhin hatten die japanischen Züchter nicht zum ersten Mal Austern als Zuchtobjekte nach Amerika verschifft und waren von den bisherigen Teil- bzw. Misserfolgen wohl bestens im Bilde. Trotz der Misserfolge pachteten sie ein ehemaliges Zuchtgebiet im Norden des Bundesstaates Washington. 1919 bestellten sie 400 Kisten große Austern von einem Zuchtpark im japanischen Gebiet "Miyagi". Die lange Reise von Yokohama, Japan, bis nach Samish Bay, Washington (damals ca. 20 Tage), überlebte der Großteil der Austern jedoch nicht und der Rest starb kurz nach der Ankunft. Trotz dieser großen und teueren Enttäuschung "säten" sie die toten Austern auf dem Boden ihres Wattgebietes aus. Sie staunten wenig später nicht schlecht, als sie zahllose junge Austern heranwachsen sahen.

Daraus folgerten sie, dass sich die winzigen Austernbabys bereits auf den Schalen der großen Austern befunden haben mussten und die lange Reise offenbar bestens überstanden hatten. Auch die Jahreszeit der Verladung stellte sich als wichtig heraus: Diese Austern waren im Frühling (April) verladen worden. Bisher hatten im Herbst verladene Austern keinerlei Erfolg gezeigt. Sesshaft gewordene Austernlarven müssen folglich erst "Zuhause" in den Gewässern Japans überwintern und sich etwas stärken. Es zeigte sich weiter, dass es sich nicht lohnt große Austern auf lange Seereisen zu schicken, weil dies fast immer zum Tode führt. Je winziger die Austern, desto besser die Überlebenschance! Letztlich kristallisierte sich das japanische Miyagi auch als Bestes der japanischen Zuchtgebiete heraus. Schon eine geringe Abweichung in der geografischen Lage der japanischen Zuchtgebiete konnte zu einem Misserfolg in amerikanischen Gewässern führen - und das obwohl die Austernart identisch ist.

Die Rechnung ging für Joe Miyagi und J. Emy Tsukimoto, wie auch die Austernzüchter wunderbar auf. Schon nach zwei Jahren, waren die ursprünglich fingernagelkleinen Pazifischen Austern ("Crassostrea gigas"), bereits unglaubliche 8cm groß - und obendrein äußert schmackhaft. Die Größe der einheimischen Olympia Auster ("Ostrea lurida"; auch als "O. conchaphila" bekannt) beträgt voll ausgewachsen lediglich 2,5-5cm. Die japanischen Austernzüchter waren verständlicherweise auch begeistert, da der mächtige Handelsmarkt USA sehr attraktiv war. Überdies wussten sie bereits, dass sich die Pazifische Auster ungern in amerikanischen Gewässern vermehrte und es letztlich keine Rolle spielte ob sie Austernbabys oder ausgewachsene Austern verkauften (die den langen Transport ohnehin nicht überleben würden).
Weitere große Ladungen japanischer Austernbabys sollten folgen.

Die Geburt der kommerziellen Kultivierung der Pazifischen Auster in den westlichen Gewässern war eingeläutet. "Joe" und "Emy" hatten schon bald die finanzielle Unterstützung japanischer Geschäftsleute aus Seattle, Washington. Sie kauften einen großen Zuchtpark und füllten ihn mit Pazifischen Austern.

Im Jahre 1921 beschloss der Staat Washington plötzlich, dass kein Einwohner ohne amerikanische Staatsbürgerschaft Ländereien kaufen oder pachten durfte. Dies war das Ende der inzwischen erfolgreichen Austernzucht dieser beiden Pioniere. Unter dem Zwang des neuen Gesetzes mussten sie ihre Unternehmung verkauften - vermutlich ohne besonders Profit zu machen. Der bekannte Olympia-Austernzüchter (und Autor des oben erwähnten Buches) E.N. Steele kaufte ihre Zuchtparks am 18. May, 1923 endgültig auf. Er hatte die Olympia Auster bereits 20 Jahre lang gezüchtet und war zusätzlich bereits bestens mit dem bisherigen Erfolg der Pioniere vertraut. "Emy" wurde wieder zum Angestellten, welcher zurück nach Japan entsandt wurde, um für den Nachschub weiterer Austernbabys zu sorgen. Dort angekommen, kümmerte sich Emy um bessere Methoden die kleinen Austernkinder einzufangen. So sollten sich Kirschbaumäste im japanischen Wattenmeer als bevorzugter Sitz für die freischwimmenden Austernlarven herausstellen, die dort alsbald sesshaft wurden. Diese und viele andere Methoden wurden später erfolgreich erprobt und von Emy nach Amerika weitergegeben.

So kam es auch, dass bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht ausgewachsene Austern, sondern lediglich die winzigen Austernbabys (in Englisch als "Spat" bezeichnet) auf mit Zement überzogenen Gittern, Muschel- bzw. Tonscherben und sonstig geeignetem Substrat (in Englisch als "Cultch" bezeichnet) in riesigen Mengen aus Japan importiert wurden. Sie überlebten die lange Seereise problemlos und wuchsen wunderbar in den amerikanischen Gewässern heran.

Von 1925 bis 1941 verzeichnete die Austernindustrie der US-Westküste ein enormes Wachstum. Während die Austernbauern der US-Ostküste die bitteren Früchte rücksichtsloser Überfischung der Amerikanischen Auster ernteten, schöpften die Austernbauern der US-Westküste aus den vollen da reinen Gewässern und fingen eine rapide wachsende Menge der Pazifischen Auster. 1925 forderte eine Typhus-Epidemie an der Ostküste viele Menschenleben. Wissenschaftler führten die Ursache auf den Verzehr verseuchter Austern zurück. Umgehend wurden große Fanggebiete geschlossen. Das Vertrauen der Bevölkerung der Oststaaten in ihre heimischen Austern war daraufhin lange Zeit erschüttert. Die Austernbauern der Westküste schlugen Profit aus dieser Gegebenheit und belieferten nun auch die Ostküste. 1929 kam der berüchtigte amerikanische Börsenkollaps ("Stock Market Crash of 1929"). In der Folgezeit (bis ca. 1933) herrschte Arbeitslosigkeit und Armut. Es entwickelte sich ein Preiskampf unter den westlichen Austernbauern, der die Austernpreise und damit die Profite unweigerlich in den Keller trieb. Dies war der Ruin für viele westliche Austernbauern. Die Nachfrage an Austern war so gering, dass seit langer Zeit erstmals ein Überschuss vorhanden war. Erst in der Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts stabilisierte sich der Austernhandel wieder.

1934 wurde die Pazifische Auster auch in die sauberen Gewässer des Bundesstaates Oregon erfolgreich eingebürgert. Oregon war einstmals ähnlich wie Washington ein bedeutender Lieferant der einheimischen Olympia-Auster. Wie in Washington überlebten jedoch auch in Oregon nur wenige Familienbetriebe die massive Dezimierung der der Olympia-Auster um 1900. Die Ankunft der robusten Pazifischen Austern erweckte die Industrie wieder zum Leben. Noch heute sind Austern aus Oregon sehr begehrt.

Kalifornien folgte der erfolgreichen Kultivierung der Pazifischen Auster 1935 (über 1 Mio. kg Austernfleisch wurde zwischen 1952 und 1959 von kalifornischen Austernbauern geliefert).

Am 7. Dezember, 1941 zerstörte der große Luftangriff japanischer Streitkräfte auf Pearl Harbor (Hawaii) das Verhältnis zwischen USA und Japan. Die USA reagierten entsprechend und entfachten ihre mächtige Kriegsmaschinerie. Millionen wehrtüchtige Männer wurden eingezogen, was auch die Reihen der Austernbauern enorm dezimierte. Napoleon soll einstmals gesagt haben: "Armeen marschieren auf ihrem Magen". Die amerikanische Militärführung teilte diese Ansicht und sorgte für eine zuverlässige Versorgung ihrer Streitkräfte mit geschmackvollen und nahrhaften Austern. Etwa 60% der Austernproduktion der westlichen Austernbauern waren fortan für das Militär reserviert. Das Militär zahlte den Austernbauern in der Kriegszeit $3,75 pro amerikanische Gallone (3,79 Liter) gefrorenen Austernfleischs. Dies war ein einträgliches Geschäft für die westlichen Austernbauern, da die pazifische Auster längst erfolgreich kultiviert und in Hülle und Fülle vorhanden war. Problematischer war eher der durch die verhärteten Kriegsfronten ausbleibende Nachschub von frischen Austernbabys aus Japan. Die Austernbauern wussten, dass ihr Austernbestand ohne weitere Lieferungen in nur wenigen Jahren völlig erschöpft sein würde. Als alles verloren schien kam unerwartete Hilfe von Mutter Natur. Pazifische Austern laichen am liebsten zwischen 20-21 Grad Celsius. Nur selten bestehen die idealen klimatischen Voraussetzungen für eine natürliche Fortpflanzung. Warme Sommer während der Kriegsjahre führten jedoch zu ungewöhnlich warmen Meerestemperaturen in den pazifischen Küstengewässern. Als Folge vermehrten sich die Pazifischen Austern während des Krieges ausnahmsweise bestens. Kurz nach dem Krieg wurden die ehemaligen Handelsbeziehungen mit den japanischen Austernbauern langsam wieder aufgebaut.

1949 wurde erstmals mit einer weiteren Austernart aus Japan in den Gewässern der amerikanischen Westküste experimentiert. Es handelte sich dabei um die so genannte Kumamoto-Auster ("Crassostrea sikamea"). Wie ihr entfernter Verwandter, die Pazifische Auster, fühlte auch sie sich in ihrer neuen Heimat sehr wohl. Die Kumamoto-Austern wachsen langsamer als die Pazifischen Austern und bleiben letztlich auch wesentlich kleiner. Kumamotos haben jedoch einen einzigartigen Geschmack und sind unter amerikanischen Austernliebhabern auch heute noch heiß begehrt.

Die japanischen Austernbabys wurden für amerikanische Austernzüchter jedoch mit der Ankunft eines verheerenden Austernvirus in Europa zunehmend unerschwinglich. Dieser Virus rottete zwischen 1966 und 1970 die einheimischen Austern Europas fast völlig aus. Es wird sogar vermutet, dass der Virus von einer japanischen bzw. Pazifischen Auster 1965 in europäische Gewässer eingeschleppt worden sein könnte. Die Austernkultivierung in Europa erholte sich jedoch rapide, da sich die Pazifische Auster auch in europäischen Gewässern höchst erfolgreich anbauen ließ. Nun hatten die Japaner auch noch europäische Großkunden für ihre Austernbabys, was wiederum zu einer Preissteigerung für die Amerikaner führte.

Die Japaner hatten bis dahin einen besonderen Trumpf auf der Hand: Die Pazifische Auster wuchs zwar sehr gut in den amerikanischen und europäischen Gewässern, laichte auch, vermehrte sich jedoch nicht (bestenfalls nur geringfügig). Trotz langjähriger Studien war es den Meeresbiologen in den USA noch nicht gelungen, selbst zuverlässig Austernbabys in großer Menge zu produzieren. In den 70er Jahren gelang den Zuchtlaboren dann der Durchbruch. Heute gibt es an der Westküste der USA mehrere große Zuchtlabore, in denen jeder Austernbauer große Mengen der Austernbabys günstig einkaufen kann, um sie anschließend in seinem Kultivierungspark auszusetzen. Zudem werden auch mehrere andere Austernarten (wie z.B. die Europäische Auster) erfolgreich gezüchtet. Obendrein ist es den Meeresbiologen inzwischen gelungen, geschlechtslose Pazifische Austern zu züchten (sog. "Triploids"), welche Jahr ein Jahr aus ohne das schwächende Laichen nur eine einzige Funktion haben: Unabhängig von der Jahreszeit saftig heranzuwachsen und schmackhaft zu sein.

Heute werden neben der Pazifischen Auster (Crassostrea gigas), die Olympia Auster (Ostrea lurida), die Kumamoto Auster (Crassostrea-sikamea), die Amerikanische Auster (Crassostrea virginica) und sogar die Europäische Auster (Ostrea edulis) mit großem Erfolg von zahllosen tüchtigen Austernbauern an der Westküste kultiviert.

E.N. Steele: "The Immigrant Oyster" (PDF-Datei):
www.wsg.washington.edu/oysterstew/cool/immigrant.pdf


* USA
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*** Die Goldgräber

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*** Die Nordstaaten
**** Fallstudie: Chesapeake Bay
**** Ein chinesischer Immigrant namens Ariakensis

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