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Mantel und Schalenbildung der Austern
John McCabe
Der Weichkörper der Austern ist beidseitig von Mantellappen
umgeben. In der Summe bilden sie den sogenannten "Mantel".
Der Bereich zwischen bzw. unter den Lappen wird als "Mantelraum"
bezeichnet. Die Mantellappen sind teilweise miteinander verwachsen,
liegen jedoch im vorderen Bereich der Austern getrennt aufeinander,
damit Nahrung und Atemwasser durch die Kiemen in den Mantelraum
gelangen kann. Gleichzeitig regulieren sie den einfließenden
Wasserstrom. Der äußerste Rand der Lappen ist öfters
dunkelfarbiger als der Rest des Weichtiers bzw. bräunlich, gräulich oder purpurn
getönt. Dieser Bereich wird als "Bart" bezeichnet.
Die alten Römer
bezeichneten diesen Lappenrand (eigentlich sehr treffend) als
"Calliblephara" bzw. "schöne Augenbrauen".
Ebenso befinden sich am "Bart" mikroskopisch kleine
Sensoren, welche bestimmte Veränderungen im unmittelbaren
Umfeld der Austern wahrnehmen können.
In den Mantellappen der Austern befinden sich sogenannte Epithelzellen,
welche die Austernschale erbauen bzw. befähigt sind, Calciumcarbonat
und Conchin (bzw. Conchiolin) auszuscheiden. Obwohl die Komponenten
bzw. die "Zutaten" dieser Ausscheidungen grundsätzlich
mehr oder minder gleich sind, ist jedoch das prozentuale Mischungsverhältnis
bzw. das "Rezept" dieser Epithelzellen mitunter erheblich
unterschiedlich. Die Epithelzellen im äußeren Rand
der Lappen beschäftigen sich ständig mit dem Aufbau
der äußeren Schalenschichten
(Periostracum, Ostracum). Die Epithelzellen im inneren Bereich
des Mantels umsorgen ständig die Perlmuttschicht (Hypostracum).
Ebenso stärken weitere Epithelzellen im vorderen Mantelbereich
beim Wachstum der Auster entsprechend auch das elastische Scharnier
(Ligament) mit einer besonderen Conchin-Mischung.
Neben ihrer primären Funktion als Schalenbilder, haben die
Epithelzellen eine weitere Aufgabe. Sie stellen einen natürlichen
Abwehrmechanismus aller Austern dar. Es kann vorkommen, daß
sich z.B. ein scharfes Stückchen Koralle, ein Wurm oder
sonstiger Parasit in den "Austernpalast" einschleicht
und sich entweder im Mantelraum oder zwischen dem Mantel und
der Perlmuttschicht festsetzt. Dieser Eindringling lässt
sich nicht wieder von der Auster ausstoßen. Wie oft angenommen
handelt es sich dabei übrigens so gut wie nie um "Sand",
weil das perfekte Design der Austern dafür sorgt, dass die
Sandkörnchen umgehend wieder ausgeschieden werden. Ebenso
kann es vorkommen, daß ein Wurm durch die Schalenfestung
ins Innere der Auster vordringt. Die Epithelzellen im Inneren
der Auster gehen sofort ans Werk und beschichten zunehmend jegliches
störende Objekt mit (letztlich) zahllosen hauchdünnen
Perlmuttschichten. Zeitweilig gelingt es einem Parasit durch
die Mantellappen in den Mantelraum einzudringen. Der Parasit
verletzt das Mantelgewebe und verschleppt gleichzeitig Epithelzellen.
Diese verschleppten Zellen wachsen jedoch heran und bilden eine
sackartige Ausstülpung bzw. einen sogenannten "Perlsack",
in welchem der Parasit zunehmend mit hauchdünnen Perlmutt
beschichtet wird. Letztlich entsteht eine steinartige Sphäre
mit einem seidigen Glanz. Der einzige, durch ein Lebewesen geschaffene
Edelstein wird somit geboren: die Perle!
Jede Austernart (wie auch viele andere Molluske) kann auf
diese Art und Weise Perlen erzeugen. Den kulinarischen Austernarten
(Ostreidae)
gelingen jedoch lediglich sehr bescheidene Exemplare, welche
ästhetisch wertlos sind. Ihre "Perlen" gelten
bei Gourmets als höchst unerwünscht, da ihre (seltene)
Entdeckung beim Verzehr einer Auster mitunter einen Besuch beim
Zahnarzt auslösen kann. Die ästhetisch vorteilhafte
Perlenbildung ist jedoch die Spezialität der verwandten
Perlaustern (vorwiegend aus der Familie "Pteriidae").
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts verstehen (insbesondere japanische)
Perlzücher bestens, wie dieser natürliche Abwehrmechanismus
der Austern funktioniert. Fachleute bzw. "Operateurs"
täuschen den Perlaustern einen Eindringling im Mantelraum
vor. Dabei pflanzen sie chirurgisch einen rundgeschliffenen Perlmuttkern
("Nucleus" bzw. "Nukleus") gezielt in den
Mantelraum. Gleichzeitig verpflanzen sie die notwendigen Epithelzellen
aus einer geopferten "Geberauster" in die Perlauster.
Die Randbereiche der Mantellappen werden zuerst mit einem Skalpell
aus der Geberauster herausgeschnitten. Auf einer Arbeitsfläche
werden diese "Mantellappenstreifen" behutsam etwas
geglättet. Daraufhin wird der Bart mit dem Skalpell abgetrennt,
da die Epithelzellen in diesem Gewebebereich bei der Perlenproduktion
nicht förderlich sind. Das verbleibende (innere) Mantelgewebe
wird nun in kleine Quadrate geschnitten (ca. 4 x 4 mm). Ein winziger
Einschnitt wird an der Perlauster bzw. der "Nehmerauster"
innen im Mantelraum vollzogen (nicht im Mantelbereich, sondern
an bestimmten Organen) , wo dieses kleine Quadrat dann eingefügt
wird. Diese eingepflanzten Gewebezellen vermehren sich (samt
den "richtigen" Epithelzellen) und wachsen in unmittelbarer
Nähe des eingepflanzten Perlmuttkerns zu einem Perlsack
heran, welcher den Perlmuttkern zunehmend umgibt und mit Perlmutt
beschichtet.
Erfahrene "Operateurs" können zwischen 25 und
40 Perlaustern pro Stunde "abfertigen". Ca. 50% der
operierten Austern überleben die Operation nach dem anschließenden
Aussetzen im Meer. Die anderen ca. 50% sterben oder stoßen
den eingepflanzten Perlmuttkern wieder aus. Übrigens kann
einer Perlauster bei dieser Operation auch mehr als ein "Set"
einoperiert werden. Perlenzüchter "ernten" folglich
manchmal gleichzeitig mehrere Perlen aus einer Perlauster.
Die Austernschalen
* Links,
rechts, oben und unten
* Komposition
der Schale
* Verwertungen
der Austernschalen
* Perlmutt
Das verborgene Weichtier
* Anatomie
im Überblick
* Mantel und Schalenbildung
* Schließmuskel
und Ligament
Vermehrung und Wachstum
* Pazifische
Auster (Crassostrea gigas)
* Europäische
Auster (Ostrea edulis)

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