Ein chinesischer Immigrant namens Ariakensis
John McCabe

Die Chesapeake Bay ist die größte Bucht der Vereinigten Staaten und gilt als die berühmteste Austerngegend der amerikanischen Geschichte. Dort ist die Amerikanische Auster ("Crassostrea virginica") ansässig. Jahrhunderte der ungezügelten Ausbeutung sowie verheerende Austernkrankheiten Mitte des 20. Jahrhunderts (Dermo, MSX) resultierten in einer fast vollständigen Ausrottung der Bestände. Heute werden die verbleibenden Amerikanischen Austern in der Chesapeake Bay auf bestenfalls 1% der ursprünglichen Bestände geschätzt. Die umfangreichen und kostspieligen Bestrebungen in den letzten Jahrzehnten, die Amerikanische Auster zu kultivieren, konnten bisher nur bescheidene Erfolge verzeichnen.

Austernfischer, die wirtschaftlichen Interessen der benachbarten Bundesstaaten Maryland und Virginia, staatliche Behörden und meeresbiologische Forschungsinstitutionen erwägen die großflächige Einführung einer chinesischen Austernart, die sich durch Schmackhaftigkeit und schnelles Wachstum auszeichnet. Dabei handelt es sich um die "Suminoe Auster" ("Crassostrea ariakensis"). Diese Austernart wird umgangssprachlich oft einfach auch als "Chinesische Auster" oder "Asiatische Auster" bezeichnet.

Meeresbiologen sind fest überzeugt, dass der Einführung der Chinesischen Auster in der Chesapeake Bay erst umfangreiche und vollständige Studien vorausgehen müssen. Austernfischer und auch Anteile der Wirtschaftsgemeinde der Staaten Virginia und Maryland stehen der Einführung einer (schneller wachsenden) "neuen" Austernart verständlicherweise begieriger gegenüber. Daher besteht bereits seit Jahren ein gewisses "Tauziehen" zwischen ökologischen und wirtschaftlichen Interessen.

Wirtschaftlich betrachtet ist das Puzzle auf den ersten Blick einfach:
Da es ohnehin kaum noch Amerikanische Austern in der einstmals mächtigsten Austernbucht der Vereinigten Staaten gibt, muss eine Verdrängung nicht befürchtet werden. Studien zeigen bereits, dass dieser "chinesische Immigrant" sich in der Chesapeake Bay wohlzufühlen scheint. Diese verhältnismäßig schnell wachsende Auster erwies sich zudem bei ersten "mündlichen Prüfungen" als sehr wohlschmeckend. Überdies erscheint diese Auster weitgehend resistenter gegenüber typischen Austernkrankheiten (Dermo, MSX) zu sein als die einheimischen Austern. Die Einführung anderer Austernarten (wie z.B. die Pazifische Auster) erwies sich in meeresbiologischen Studien bereits als unvorteilhaft. Zumindest die Kultivierung genetisch veränderter Chinesischer Austern (sog. "Triploids" bzw. triploide Austern), die sich nicht vermehren können, wäre eine ausreichende Sicherung gegen die potentiell unkontrollierbare Verbreitung einer letztlich vielleicht unerwünschten neuen Tierart. Sie könnten massenhaft als Austernbabys ausgesetzt werden und in wenigen Jahren zu schmackhaften Austern heranreifen. Viele Jahre und einige Millionen an Steuergeldern wurden für diese Recherche bereits investiert. Sicherlich hat man auch ein (wirtschaftliches) Auge auf die überaus erfolgreiche Einführung der Pazifischen Auster ("Crassostrea gigas") aus Japan vor fast hundert Jahren an der Westküste geworfen. Ebenso hat sich die europäische Einführung der Pazifischen Auster in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als wirtschaftlich äußerst erfolgreich erwiesen. Ein Aufleben der Austernindustrie in der Chesapeake Bay würde Arbeitsplätze schaffen und dem Staat zugleich neue Steuereinnahmen bescheren. Überdies sind die Studien der Meeresbiologen inzwischen mehrere Jahre alt, ohne eine konkrete Kursrichtung aufzuzeigen. Viele wirtschaftliche Interessen sprechen folglich dafür, dass es höchste Zeit ist, diesen gewagt anmutenden Schritt zu machen.

Meeresbiologen hingegen betrachten ein äußerst komplexes Puzzle:
Obwohl sie sich bewusst sind, dass die erfolgreiche Einführung der Chinesischen Auster wirtschaftlich äußerst lukrativ sein könnte, tragen sie zugleich die Verantwortung für einen möglicherweise schädlichen Eindringling in die heimische Meeresökologie auf ihren Schultern. Meeresbiologen müssen der harmlosen, bescheidenen und leckeren kleinen Auster aus China mit denselben Bedenken begegnen wie etwa gefährlichen Salzwasserkrokodilen aus Australien: Es besteht die Möglichkeit verheerender Schäden! Das wichtigste Schlagwort unter Meeresbiologen ist zweifellos der Begriff "Biosecurity" (Bio-Sicherheit).

Abgesehen von der Tatsache, dass sich ein kleiner Anteil der triploiden (genetisch veränderten und folglich vermehrungsunfähigen) Chinesischen Austern letztlich in diploide (vermehrungsfähige) Austern wandeln kann, stehen für Meeresbiologen noch einige wichtige, teilweise völlig ungeklärte Fragen im Raum:

* Wer ist dieser chinesische Immigrant namens "Ariakensis" überhaupt? Nähere Studien der Rutgers University haben inzwischen bewiesen, dass es sich bei der Klassifikation "Crassostrea ariakensis" (bzw. "Crassostrea rivularis") offenbar um mindestens zwei grundverschiedene asiatische Austernarten handelt. Die scheinbar gleichen "Crassostrea Ariakensis" laichen in unterschiedlichen Breitengraden, in unterschiedlichen Monaten und Gegebenheiten. Der Verdacht eventueller historischer Verwechslungen bei der Klassifizierung dieser oder ähnlicher Asternarten bereitet den Meeresbiologen zunehmend Kopfzerbrechen:
"Suminoegaki" ist die Bezeichnung der "C. Ariakensis" in japanischen Studien (daher die englische Bezeichnung "Suminoe oyster"). Japan hatte diese Austerart zwischen 1925 und 1940 bereits mehrfach in der Ariake Bucht angesiedelt. Sie fiel dann jedoch großteils einem Virus zum Opfer. Daher wurde auf weitere Kultivierungsversuche verzichtet. Die wissenschaftliche Bedeutung dieses Austerntypus war drastisch gesunken.
Die "Crassostrea ariakensis" wurde erstmals 1913 vom dem Wissenschaftler Fujita als "Ostrea ariakensis" klassifiziert. Der Wissenschaftler Wakiya bestätigte diese Klassifikation 1929.
Lischke (1869) and Amemiya (1928) qualifizierten die "Ostrea rivularis" (Gould 1861), als eine junge "Ostrea ariakensis". Dunker (1882) wiederum qualifizierte die "Ostrea rivularis" von Lischke (1869) als Synonym für die Auster "Ostrea arborea Dillwyn". Der Wissenschaftler Hirase (1930) war ebenso dieser Ansicht, der Wissenschafler Kuroda (1931) hingegen bestritt es. Letztlich entschieden sich amerikanische Wissenschaftler die "Ariakensis Variante" aus den nördlichen Gebieten Asiens mit dem Zusatz "true" ("wahr" bzw. "echt") im Sinne einer potentiellen Zuchtvariante zu qualifizieren. Hinsichtlich der "Biosecurity" arbeitete das Rutgers Labor erstmals mit Exemplaren der Chinesischen Auster, die ursprünglich bei Bestellungen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts unwillkürlich zusammen mit Austernbabys der Pazifischen und Kumamoto Auster aus dem Süden Japans eingeführt wurden. Die Chinesische Auster existiert in manchen Küstengebieten der US-Weststaaten noch heute. Ihre Wachstumsrate entspricht in etwa der der Pazifischen Auster (Langdon and Robinson 1996). Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme wurden die befruchteten Austerneier mit Cytochalasin-B (nach der 1987 von Downing and Allen beschriebenen Methode) behandelt, um geschlechtslose (bzw. "triploide") Austern zu schaffen.

* Würde die Chinesische Auster in diesen neuen Gewässern ebenso wie die Amerikanische Auster Riffe erobern können? Historische Kultivierungen Japans in der Ariaki Bucht zeugen von keiner nennenswerten Riffentwicklung der "Crassostrea ariakensis". Folglich würde sie in absehbarer Zeit kaum die einstmaligen Riffe der Amerikanischen Auster ("Crassostrea virginica") ersetzen können.

* Wie sind ihre Überlebenschancen gegenüber den bestehenden natürlichen Austernfeinden der Chesapeake Bay? Erste Prüfungen ergeben, dass bestimmte einheimische Krabben die Chinesische Auster mit größerem Heißhunger verzehren als die Amerikanische Auster. Die Schale der Chinesischen Auster ist dünner als jene der Amerikanischen und folglich für viele natürliche Feinde wesentlich einfacher zu knacken. Bestimmte Würmer (sog. "Bristleworms") sind Erzfeinde der Austern und dürften von der verhältnismäßig schwachen Schale der Chinesischen Auster profitieren. Zudem stellt sich heraus, dass die Chinesische Auster sehr anfällig für den Austernparasiten Bonamia (bzw. "Bonamia ostreae") ist. Tausende sterile (triploide) Chinesische Austern fielen diesem Parasiten bei Kultivierungsstudien im Bundesstaat North Carolina (nahe der Chesapeake Bay) zum Opfer. Neben der hohen Sterblichkeitsrate war auch überraschend, dass dieser Parasit überhaupt in North Carolina beheimatet war. Dabei handelt es sich übrigens um den gleichen Parasiten, dem in europäischen Küstengewässern in den 70er Jahren Unmengen der Europäischen Auster ("Ostrea edulis") zum Opfer fielen.

* Kann die Chinesische Auster mit der einheimischen Amerikanischen Auster in der Chesapeake Bay koexistieren oder besteht die Gefahr der Verdrängung?

* Was passiert bei einer potentiellen Vermehrung der Chinesischen Auster außerhalb der Chesapeake Bay? Wie sicher ist es, dass nur geprüfte Austernbabys (zugelassenes Austernsaatgut) aus Zuchtlaboren ausgesetzt werden und nicht auch ungeprüftes Saatgut direkt aus Japan oder China in die Wildnis gelangt? Was würde geschehen, wenn Austernbauern das Saatgut eigenmächtig auch in anderen Gewässern der Ostküste und/oder des Golfs testen? Bei dieser Entscheidung geht es den Meeresbiologen nicht alleine um die Chesapeake Bay, sondern auch um die Auswirkungen auf die gesamte Ostküste und den Golf von Mexiko, wo eine immense Austerindustrie auf die Amerikanische Auster angewiesen ist.

* Was genau wird diese Austernart in der Chesapeake Bay durch Filterung des Wassers in ihr Fleisch aufnehmen? Mindestens ein Wissenschaftler meint, dass die Chinesische Auster bisher unerforschte bzw. "schlummernde" Substanzen aus der Chesapeake Bay in ihrem Fleisch absetzen könnte, was womöglich beim Genuss zu ernsthaften pathologischen Konsequenzen führen könnte.

* Was wird die Chinesische Auster sonst noch mit sich bringen? Wie man bereits an der Einführung der Pazifischen Auster ("Crassostrea gigas") sehen konnte, dürfte die Chinesische Auster mit großer Wahrscheinlichkeit auch andere unerwünschte Lebewesen aus ihren heimischen Gewässern mitführen. Dabei könnte es sich beispielsweise um Viren handeln, die neben den einheimischen Austernarten auch andere Meeresbewohner befallen könnten. Immerhin wird die Pazifische Auster verdächtigt, bei ihren ersten Kultivierungsversuchen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts einen verheerenden Austernvirus ("Bonamia ostreae") nach Europa eingeschleppt zu haben, der letztlich den Großteil der heimischen Austern in Frankreich vernichtete.

Die wirtschaftlichen Interessengruppen erwarten 2005 eine Antwort. Mehrere Meeresbiologen meinen hingegen, dass bestenfalls 2007 eine vernünftige Entscheidung denkbar wäre.

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