Die Perlen der Conquista
John McCabe

Als "Conquistadores" werden spanische Soldaten, Abenteurer und Glücksritter bezeichnet, die große Gebiete in Süd-, Mittel- und Nordamerika für Spanien in Besitz nahmen. Tatsächlich waren sie eher Privatunternehmer, welche einen Vertrag mit der spanischen Krone abgeschlossen hatten. Ihre vertragliche Aufgabe war es, Gebiete zu erschließen, Siedlungen zu gründen, Indianer zum christlichen Glauben zu bekehren und die so erschlossenen Gebiete vorteilhaft für sich selbst und die Krone Spaniens zu bewirtschaften. Ein "königliches Fünftel" (sog. "Quinto Real") der Erträge einer derartigen Kolonie mussten sie dem König von Spanien als Steuer zahlen. Sie walteten in diesen fernen Landen jedoch weitgehend unabhängig. In der Praxis ging es in erster Linie darum, so schnell wie möglich reich zu werden. Nachrichten der oft unglaublich grausamen Machenschaften der Conquistadores ereichten auch Europa und sorgten für Empörung bei vielen Christen. Um diese Machenschaften mit dem Schleier der Seriosität zu belegen und somit die Christen und die Katholische Kirche in Europa etwas zu beruhigen, verfasste der spanische König Ferdinand II. im Jahre 1513 mit viel vornehmer Rhetorik einen offizielles Dokument namens "Requerimiento" (span.: Mahnung), das den indianischen Stammesführern sodann in Spanisch vorgelesen wurde. Obwohl die Stammesführer so gut wie kein Wort Spanisch verstanden, dürften sie vermutlich doch den feindlichen Klang wahrgenommen haben. Mit dieser "Mahnung", die geschichtlich sicher als eines der groteskesten Beispiele der Realsatire eingeordnet werden kann, forderte die spanische Krone die einheimischen Indianer zur bedingungslosen Kapitulation und vollständigen Unterwerfung auf. Wurde diese Mahnung von den Indianern nicht akzeptiert und fortan respektiert, dann war jedes noch so menschenverachtende Mittel sanktioniert, um ein hartes Durchgreifen zu demonstrieren. Später gesellten sich auch portugiesische und englische Conquistadores zu den Spaniern.

Es muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass es auch viele selbstlose christliche Missionare gab, die diesem Raubrittertum kritisch gegenüber standen und oft gar selbst bei Bekehrungsversuchen der Eingeborenen ihr Leben ließen. Ich empfehle an dieser Stelle wärmstens den Film "Mission" (oder auch "The Mission" mit dem Schauspieler Robert De Niro).

Die brutale Ausbeutung hatte eine einfache Methodik. In der ersten Phase wurden minderwertige Gegenstände der Spanier in den Eingeborenen-Siedlungen gegen kostbare Perlen getauscht. Sobald dies nicht mehr genug Ertrag abwarf oder die Eingeborenen den Handel einstellten, wurden sie zum Perlentauchen gezwungen. Wer sich weigerte wurde entweder durch Folter gefügig gemacht oder ging in den Sklavenhandel. Nachdem die umliegenden Meeresgewässer der Siedlung erschöpft waren, wurden alle arbeitstauglichen Jungen und Männer von Sklavenhändlern in Ketten gelegt und abtransportiert. Die Frauen, Kinder und Greise überließ man ihrem Schicksal, was oft zum sicheren Hungertod führte. Indianer, deren Ernährung orthografisch hauptsächlich aus den Früchten des Meeres bestand, wurden als Sklaven wesentlich teurer gehandelt als jene, die nicht tauchen konnten. Diese Sklaven eigneten sich eher als Zwangsarbeiter in den spanischen Gold-, Silber- und Edelsteinminen. Die Sklaven mit Unterwassererfahrung wurden ausnahmslos zum Perlentauchen eingesetzt. Dabei handelte es sich nicht ausschließlich um Indianer, sondern auch um Sklaven der Küsten Afrikas. Die Sklavenkäufer waren so genannte "Patrons" bzw. "Rancheros". Sie besaßen entweder einen Küstenbereich und/oder waren Inhaber einer entsprechenden Lizenz.

Die von Kolumbus entdeckten Inseln "Isla Cubagua" und "Isla Margarita" hielten einen reichen Perlenschatz bereit. Diese Inseln waren jedoch lediglich die sprichwörtliche "Spitze des Eisbergs", da weitere Entdeckungen bald belegen sollten, dass die gesamte Küste Venezuelas mit Perlen übersät war. Zugleich hatte es sich unter einigen Indianerstämmen des amerikanischen Festlands herum gesprochen, dass die "Conquistadores" eine Gefahr waren. Der ursprünglich gastfreundliche, ja fast ehrfürchtige Empfang der Conquistadores nahm zunehmend die Gestalt von Giftpfeilen an. Daneben machten die Conquistadores bei ihren Eroberungen auch Bekanntschaft mit anderen Gefahren, die das Sumpfklima für sie bereithielt. Die fremde Tierwelt erwies sich gefährlicher als erwartet und nicht selten brach tödliches Fieber unter den Eroberern aus. Die Gier nach Perlen und Gold trieb die Conquistadores jedoch unaufhaltsam weiter und führte zu weiteren bedeutenden Entdeckungen.

Hinsichtlich der Perlen ist hier insbesondere der Conquistador Vasco Núñez de Balboa zu erwähnen. Bei einem seiner Raubzüge lernte er einen bedeutenden Indianerhäuptling kennen, der ihm erzählt haben soll, dass sich "hinter den Bergen ein großer See befindet, wo es Unmengen von Gold und Perlen gibt". Er begab sich 1513 mit einer verhältnismäßig kleinen (aber überzeugten) Truppe Conquistadores auf eine gefährliche Expedition über den Isthmus von Panama. Mehr als die Hälfte der Conquistadores und indianischen Träger kamen ums Leben. Schlussendlich entdeckte er den "großen See", der später als Pazifischer Ozean in die Atlanten Einzug einhalten sollte. Hier machte er die Bekanntschaft mit einem weiteren Häuptling, der reich mit Perlen ausgestattet war. Balboa sprach sogleich seine Bewunderung für die Perlen des Häuptlings aus. Dieser zögerte nicht lange und überhäufte den Eroberer mit Perlen. Abschließend weihte der Häuptling Balboa noch in ein Geheimnis ein: Es gebe etwas weiter nördlich eine Insel, wo die Perlen "so groß wie ein Menschenauge" seien. Es handelte sich um die kleine Insel Tararequi. Diese bekam Balboa zwar selbst nicht mehr zu Gesicht, andere Conquistadores ließen sie auf Grund seiner Reiseberichte jedoch nicht außer Acht. Tatsächlich konnten sich die Perlen dort mit den schönsten Perlen des Orients messen. Gleichzeitig wimmelten die Gewässer jedoch von Haifischen, was zu hohen Verlusten unter den Perlentauchern führte.
Ein weiterer Conquistador namens Hernando Cortés eroberte ein Jahrzehnt später das heutige Mexiko. Nachdem er dem besiegten Häuptling Montezuma enorme Perlenschätze abluchsen konnte, entdeckte er später im Jahre 1536 die Halbinsel Kalifornien. Der Golf von Kalifornien wird noch heute als Cortes-See bzw. "Sea of Cortez" bezeichnet. Auch sie lieferte den Spaniern enorme Perlenschätze.

Unglaubliche Mengen von Gold, Silber, Perlen (wie auch andere Edelsteine) und andere Waren machten sich auf den Weg nach Spanien. Wer hochwertigste Perlen zu besten Preisen suchte, war gut beraten, sich an die spanische Stadt Sevilla zu halten. Hier befand sich der Hauptumschlagplatz des spanischen Seehandels im 16. und 17. Jahrhundert. Wichtig waren auch Cádiz und ein kleinerer Ort in dessen Bucht mit Namen El Puerto de Santa (von dort war auch Kolumbus einst bei einer seiner Expeditionen nach "Westindien" bzw. Amerika losgesegelt).

Der Handel mit Perlen nahm rasant zu. Laut dem Historiker Donkin betrug das abgeführte "königliche Fünftel" der Perleninsel Cubagua zwischen den Jahren 1513 und 1540 ca. 2.375 kg. Die angebliche Gesamtproduktion wäre folglich 11.875 kg gewesen. Dies entspräche in etwa 100 Mio. typischer Naturperlen. Diese Zahlen auf Basis des königlichen Fünftels werden heute als weit unter der tatsächlich geförderten Perlenmenge geschätzt. Dies drückte zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert stark auf die traditionellen Perlen-Handelspreise im europäischen Markt.

Sogar wahrlich spektakuläre Perlen von historischer Bedeutung wurden von Zeit zu Zeit in den Gewässern Amerikas entdeckt. Beispielsweise stammt die sicher berühmteste Perle aller Zeiten, die so genannte "La Peregrina" ("Die Pilgerin") aus dieser Epoche. Es handelt sich um eine enorm große tropfenförmige Perle. Im 16. Jahrhundert (wahrscheinlich in dessen erster Hälfte) soll laut einer Legende ein Sklave im Golf von Panama diese besonders schöne Perle gefunden haben. Der "Patron" des Sklaven soll offenbar so begeistert gewesen sein, dass er ihm sofort die Freiheit schenkte. Der spanische König Philip II. überreichte diese Perle seiner Braut, der Königin Mary Tudor, als Hochzeitsgeschenk. Über die nächsten 450 Jahre hatte sie mehrere prominente Besitzer. Heute gehört La Peregrina der berühmten Schauspielerin Elizabeth Taylor, welche sie bedeutenden Museen zur öffentlichen Ausstellung überlässt.

Beispiel einer bedeutenden Ausstellung:
Smithsonian National Museum of Natural History in Washington D.C.:
http://www.gia.edu/events/29573/allure_of_pearls__p2.cfm

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