Die Anekdoten
John McCabe

Ganz im Zeichen der italienischen Renaissance beauftragte der wohlhabende Aristokrat Lorenzo de' Medici 1485 den Maler Sandro Botticelli (1446-1510) mit der Gestaltung eines Gemäldes, welches das pure Gedankengut der Antike versprühen solle. Das Gemälde ist heute weltweit als "Die Geburt der Venus" bekannt. Eine liebliche Venus tritt aus der Schalenhälfte einer Muschel hervor. Venus (Aphrodite) und die Auster sind unzertrennbar. Umstritten ist die Muschelart, welche Botticelli wählte (Europäische Auster, Jakobsmuschel oder Herzmuschel). Das Scharnier dürfte der Europäischen Auster (Ostrea edulis) entsprechen, während der Rest der Schalenhälfte sehr an eine gewöhnliche Jakobsmuschel erinnert.

Der berühmte Philosoph und Schriftsteller Michel de Montaigne (1533-92) soll im Alter geglaubt haben, mit Weißwein und Austern seiner Gicht Abhilfe schaffen zu können.

Ludwig der XIV. (1638-1715; auch als "Sonnenkönig" bekannt) schlürfte mit seinen Kurtisanen regelmäßig Unmengen an Austern. Sein Leibkoch, der berühmte François Vatel, soll bei einem Besuch des Königs in Chantilly aus schierer Verzweiflung über eine fehlende Fisch- und Austernlieferung Selbstmord begangen haben. Als die Lieferung wenig später dann doch noch eintraf, war es natürlich schon längst zu spät für den guten Koch. Vor seiner Hochzeitsnacht mit Maria Theresia von Spanien, soll Ludwig der XIV. angeblich 400 Austern verschlungen haben. Sechs Monate nach dem Tod seiner Frau Maria Theresia heiratete Ludwig der XIV. heimlich die (indirekt äußerst einflussreiche) Madame de Maintenon, welche ihn vor einer möglichen "Vergiftung durch grüne Austern" bewahren sollte. Dies dürfte Ludwig den XIV. damals sehr amüsiert haben, zumal ihm natürlich klar war, dass es sich lediglich um die vorzüglichen französischen Marennes-Austern handelte (welche oft eine zart grüne Farbe aufweisen).

Der berühmte Schriftsteller, Abenteurer und Charmeur Giacomo Casanova de Seingalt (1727-1798) soll täglich mindestens fünfzig dieser Kreaturen im eigenen Saft als "Ansporn für Geist und Liebe" genüsslich verspeist haben.

Der berühmte französische Schriftsteller Honoré de Balzac (1799-1850) war ebenfalls ein großer Austern-Fan. Seine Vorliebe lag in erster Linie im reinen Genuss dieser Leckerbissen. So wird beispielsweise erzählt, dass Balzac einen seiner Verleger, Herrn Werdet, einmal zum Essen ins Restaurant Véry in Paris einlud. Wohl wissend wie es um die derzeitigen finanziellen Verhältnisse von Balzac stand, begnügte sich Werdet mit einer Tasse Suppe. Er staunte dann nicht schlecht, als Balzac zur Vorspeise 100 Austern genoss. Hungrig beobachtete Werdet wie der gute Balzac daraufhin als Entrée zwölf Lammkoteletts, eine Ente, zwei Rebhühner und eine Seezunge verdrückte und mit den besten Weinen runterspülte. Nach dem Dessert (ca. 12 Birnen) war es an der Zeit den Wirt zu bezahlen. Nach der Präsentation der Rechnung zückte Balzac unverzüglich seine Geldbörse, entdeckte jedoch mit augenscheinlichem Entsetzen, dass er kein Geld dabei hatte. Freundlich bat er Werdet doch bitte einmal zu prüfen, wie es in seinem Portemonnaie aussah. Werdet hatte lediglich 40.00 Franc dabei. Balzac nahm 5.00 Franc heraus und hinterließ sie als Trinkgeld. Am nächsten Tag stellte er seinem Verleger Werdet den Gesamtbetrag der Zeche (62.50 Franc) in Rechnung.

Der bekannte englische Schriftsteller William Makepeace Thackeray (1811-63) war einstmals auf Besuch in Boston, USA. Er war längst ein großer Liebhaber der Europäischen Auster und bestellte sogleich ein Dutzend saftige Amerikanische Austern. Nachdem er die erste Auster geschlürft hatte, merkte er staunend an: "Ich glaube ich habe gerade ein ganzes Baby verschluckt!"

Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) merkte einst humorvoll an:
"Ein Optimist ist ein Mensch, der ein Dutzend Austern bestellt, in der Hoffnung, sie mit der Perle, die er darin findet, bezahlen zu können."

Geschichtlich muss auch der berühmte deutsche Reichspräsident und große Austernfan Paul von Hindenburg (1847-1934) erwähnt werden, der nicht selten ein Dutzend Austern auf einen Schlag verputzte.

Bei diesen spektakulär anmutenden Austernmengen möchte man vermuten, dass es sich vielleicht um sensationslüsterne Übertreibungen der damaligen Berichterstatter gehandelt haben dürfte. Diese erstaunlichen Quantitäten wirken jedoch glaubwürdiger, wenn man bedenkt, dass es die heute handelsübliche wuchtige Pazifische Auster ("Crassostrea gigas") damals in Europa noch nicht gab. Vielmehr bestimmte vorwiegend die verhältnismäßig kleine Europäische Auster ("Ostrea edulis") den Handel. Vom Fleischvolumen können zehn typische Europäische Austern durchaus einer einzigen großen Amerikanischen oder Pazifischen Auster gleichkommen. So verschlang beispielsweise im Jahre 2003 der Sieger des Austernessens beim großen "Oyster Festival" (in Oyster Bay, NY, USA) Mike Chadkowski die unglaubliche Menge von 168 Amerikanischen Austern. Obwohl er auch im Jahre 2004 als Sieger gekürt wurde, gelangen ihm diesmal "nur" 54 Stück. Der Grund: im Jahre 2004 wurden beim Wettbewerb etwas größere Austern verwendet.

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